Mutrail Magazin

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Erste Hilfe im Wald: Diese 3 Handgriffe entscheiden im Ernstfall (und warum ein Pflaster oft nicht reicht)
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Erste Hilfe im Wald: Diese 3 Handgriffe entscheiden im Ernstfall (und warum ein Pflaster oft nicht reicht)

Es passiert meistens dann, wenn die Stimmung am besten ist. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit beim Abstieg, ein lockerer Stein, ein hässliches Knacken. Plötzlich liegst du am Boden. Der Schmerz schießt durch dein Sprunggelenk, Übelkeit steigt auf. Du bist fünf Kilometer vom nächsten Wanderparkplatz entfernt, der Handyempfang ist wackelig, und die Dämmerung setzt ein. In der Stadt wäre der Rettungswagen in acht Minuten da. Hier draußen? Hier bist du erst einmal auf dich allein gestellt. Genau in diesem Moment entscheidet sich, ob aus einem Unfall eine Anekdote oder eine Tragödie wird. Vergiss für einen Moment das kleine rote Täschchen mit den bunten Pflastern. Wir reden heute über echte "Wilderness First Aid" – über die drei Handgriffe, die Leben retten und Schlimmeres verhindern, bevor die Bergrettung überhaupt alarmiert ist. Der Faktor Zeit & Psyche: Warum dein Kopf der wichtigste Verbandskasten ist Bevor wir zu den handwerklichen Skills kommen, müssen wir über das "E-E-A-T" (Experience, Expertise, Authoritativeness, Trustworthiness) der Notfallpsychologie sprechen. Als erfahrener Trailrunner weiß ich: Panik ist der größte Feind. Wer panisch wird, trifft Fehlentscheidungen, verbraucht unnötig Energie und bringt sich und andere in Gefahr. In der alpinen Ersten Hilfe gilt die **STOP-Regel**: S (Sit): Hinsetzen. Ruhe bewahren. Tief durchatmen. Den Adrenalinspiegel senken. T (Think): Was ist genau passiert? Wer ist verletzt? Wie ist die Lage? O (Observe): Wie ist das Wetter? Wo sind wir? Haben wir Empfang? P (Plan): Entscheidung treffen – Selbstabstieg oder Notruf? Biwak bauen oder weitergehen? Erst wenn der Puls wieder halbwegs normal ist, greifen die manuellen Skills. Und hier sind die drei wichtigsten, die weit über das Versorgen einer kleinen Schürfwunde hinausgehen. Handgriff 1: Die "Blut-Stopp-Taktik" (Der improvisierte Druckverband) Stell dir vor, du oder dein Wanderpartner rutscht ab und zieht sich an einer scharfen Felskante oder einem Ast eine tiefe Schnittwunde zu. Es blutet stark. Jetzt zählt jede Sekunde, denn Blutverlust führt schnell zum Schock. Ein einfaches Pflaster ist hier nutzlos. Du musst wissen, wie man einen Druckverband improvisiert, selbst wenn das Erste-Hilfe-Set gerade ganz unten im Rucksack vergraben ist. Die Anatomie des Stoppens Das Ziel ist es, mechanischen Druck direkt auf die blutende Gefäßöffnung auszuüben, ohne die Blutzufuhr zum restlichen Gliedmaß komplett abzuschnüren (wir wollen keinen Tourniquet-Effekt, es sei denn, es ist absolut lebensbedrohlich). So geht der Improvisations-Griff: Wundauflage: Nimm das sauberste Stück Stoff, das du hast (ein Taschentuch, eine Kompresse, notfalls ein Stück T-Shirt) und drücke es direkt auf die Wunde. Der Druckkörper: Das ist der entscheidende Teil, den viele vergessen. Du brauchst einen harten Gegenstand, der den Druck punktuell verstärkt. Das kann eine noch verpackte Mullbinde sein, ein Päckchen Taschentücher, ein glatter Stein oder sogar ein Feuerzeug. Platziere diesen Gegenstand direkt auf der Wundauflage über der blutenden Stelle. Fixierung: Jetzt nimmst du dein Multifunktionstuch (Buff), einen Schal oder den Ärmel eines Wechselshirts und bindest es stramm über den Druckkörper. "Pro-Tipp: Wenn es durchblutet, nimm den Verband nicht ab! Das würde die beginnende Gerinnung zerstören. Wickle einfach eine zweite Schicht mit mehr Druck darüber." Handgriff 2: Der "MacGyver-Splint" (Stabilisierung bei Frakturen & Bänderrissen) Statistisch gesehen sind Verletzungen der unteren Extremitäten (Umknicken, Bänderriss, Knöchelbruch) die häufigste Unfallursache beim Wandern. Wenn der Fuß nicht mehr belastbar ist, wird der Rückweg zur Tortur oder Unmöglichkeit. Bis Hilfe kommt, muss das Gelenk ruhiggestellt werden, um Schmerzen zu lindern und weitere Schäden zu vermeiden. In professionellen Sets gibt es dafür "Sam Splints" (Alu-Polster-Schienen). Aber hast du so eine immer dabei? Wahrscheinlich nicht. Die Natur liefert dir aber alles, was du brauchst. Die Stock-T-Shirt-Technik Du brauchst zwei stabile Äste (oder Wanderstöcke, wenn du sie entbehren kannst) und Kleidung. Polstere das verletzte Bein (z.B. mit einer Jacke oder Moos), damit die Äste nicht drücken. Lege die Äste links und rechts an das Bein an. Sie sollten idealerweise über das Gelenk oberhalb und unterhalb der Verletzung reichen. Fixiere die Äste mit allem, was du hast: Tape, Schnürsenkel, Riemen vom Rucksack oder Streifen aus einem zerrissenen Shirt. Wichtig: Prüfe danach immer die Durchblutung, Motorik und Sensibilität (DMS-Kontrolle) an den Zehen. Sind sie warm? Kribbelt es? Wenn ja, ist die Schienung zu fest. Diese Stabilisierung gibt dem Verletzten nicht nur physischen Halt, sondern auch psychische Sicherheit ("Mein Bein ist geschützt"). Das senkt den Stresspegel enorm. Handgriff 3: Der "Wärme-Kokon" (Der Kampf gegen den stillen Killer) Dieser Punkt wird am häufigsten unterschätzt – und ist oft gefährlicher als die Verletzung selbst. Hypothermie (Unterkühlung). Selbst im Sommer bei 20 Grad kann ein verletzter Wanderer, der am Boden liegt, sich nicht bewegt, schwitzt und vielleicht im Windschatten liegt, innerhalb von 30 Minuten lebensgefährlich auskühlen. Der Körper zentralisiert im Schockzustand den Kreislauf (Blut weg von Armen/Beinen, hin zu Herz/Hirn). Dadurch kühlt die Peripherie extrem schnell aus. Die Rettungsdecke richtig nutzen (Gold oder Silber?) Zuerst: Die Diskussion "Gold nach außen wärmt, Silber nach außen kühlt" ist physikalisch gesehen fast vernachlässigbar. Wichtig ist: Dass du sie nutzt. Und zwar richtig. Einfaches "Drüberlegen" reicht nicht. Der Burrito-Bauplan: Isolation von unten: Der Boden zieht die Wärme aus dem Körper wie ein Staubsauger. Lege alles unter den Verletzten, was du hast: Rucksäcke, Seile, Zweige, Sitzkissen. Die Zwiebel: Zieh dem Verletzten alles an, was verfügbar ist (Regenjacke, Mütze!). Die Dampfsperre: Jetzt kommt die Rettungsdecke. Wickle den Verletzten darin ein wie einen Burrito. Wichtig: Keine Lücken lassen! Die Luftschicht zwischen Körper und Folie erwärmt sich. Körperkontakt: Wenn möglich (und bei großer Kälte), lege dich selbst (mit deiner Körperwärme) nah an den Verletzten ("Body-Buddy-System"). Das "Mutrail-Update" für dein Erste-Hilfe-Set Die meisten Standard-Wandersets sind für Schnittwunden im Büro gemacht, nicht für den Berg. Hier ist meine "No-Bullshit"-Liste für Dinge, die wirklich in deinen Rucksack gehören (und kaum etwas wiegen): Rettungsdecke (Biwaksack ist besser): Ein einfacher Alu-Biwaksack kostet 5 Euro, wiegt 100g und ist im Ernstfall viel effektiver als die dünne Folie, weil er rundum geschlossen ist. Tape (Leukotape classic): Kein Kinesio-Tape, sondern das starre, weiße Sporttape. Damit kannst du Schuhe flicken, Schienen bauen oder Blasen präventiv abkleben. Signalpfeife: Hängt oft am Brustgurt moderner Rucksäcke. Check das mal! Das Alpine Notsignal (6x Pfeifen pro Minute, 1 Minute Pause) ist weitaus weiter hörbar als Schreie. Starke Schmerzmittel: (Nach Rücksprache mit Arzt/Apotheker). Wenn du mit einem verstauchten Knöchel noch 2 Stunden absteigen musst, können Ibuprofen & Co. den Unterschied machen, ob du noch handlungsfähig bleibst oder vor Schmerz kollabierst. Zeckenzange & Pinzette: Die Klassiker, aber essenziell. Fazit: Sei kein Ballast, sei eine Ressource Erste Hilfe im Wald ist kein Hexenwerk, aber sie erfordert Improvisationstalent und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Du kannst der fitteste Läufer der Welt sein – wenn du im Notfall kopflos reagierst, hilfst du niemandem. Mein Appell an die Community: Nimm dir diesen Artikel nicht nur als Lektüre, sondern als Trainingsplan. Übe den Druckverband an deinem Oberschenkel. Bau einmal "aus Spaß" eine Schiene mit Stöcken. Wickle deinen Partner in eine Rettungsdecke ein. Wenn die Handgriffe sitzen, hast du im Ernstfall den Kopf frei für das Wichtigste: Ruhe bewahren und Hoffnung geben. Wir gehen raus, um die Freiheit zu spüren. Aber die Natur ist kein Freizeitpark mit Sicherheitsnetz. Wir sind das Sicherheitsnetz. Passt auf euch auf da draußen!

27.01.2026 Artikel lesen →
7 Dinge, die ich gerne gewusst hätte, bevor ich meinen ersten Lost Place betreten habe
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7 Dinge, die ich gerne gewusst hätte, bevor ich meinen ersten Lost Place betreten habe

Der Reiz des Verfalls ist magisch. Alte Villen, in denen noch die Kaffeetassen auf dem Tisch stehen, verlassene Industriegiganten oder moosbewachsene Freizeitparks. Doch mein erstes Mal "Urban Exploring" war... sagen wir mal, lehrreich. Ich habe Fehler gemacht, die gefährlich waren. Damit dir das nicht passiert, teile ich hier meine sieben wichtigsten Lektionen. 1. Es ist illegal (meistens) – und du musst damit umgehen können Machen wir uns nichts vor: Das Betreten von fremden Grundstücken ist in Deutschland Hausfriedensbruch (§ 123 StGB). Es gibt kein "verlassenes Eigentum" im rechtlichen Sinne. Jedes Grundstück gehört jemandem. Was ich gelernt habe: Breche niemals ein! Wenn eine Tür offen steht oder ein Loch im Zaun ist, ist das Betreten zwar immer noch nicht legal, aber du begehst zumindest keinen Einbruch (Sachbeschädigung). Wenn du erwischt wirst: Sei höflich, erkläre, dass du nur Fotos machst, und verlasse das Gelände sofort. Besser noch: Frage vorher um Erlaubnis (ja, das klappt manchmal!). 2. "Festes Schuhwerk" ist keine Floskel Ich bin bei meiner ersten Tour in Turnschuhen in eine alte Fabrik gegangen. Ergebnis: Ein rostiger Nagel bohrte sich fast durch die weiche Sohle. Lost Places sind voller Gefahren am Boden: Scherben und Metallschrott Morsche Holzböden Offene Schächte unter Laub Pro-Tipp: Trage Wanderschuhe mit durchtrittsicherer Sohle (S3 Sicherheitsschuhe sind der Goldstandard). Schau dir dazu auch unsere Kategorie "Lost Places" im Ausrüstungsplaner an. 3. Der "Urbex-Codex" ist heilig In der Szene gibt es eine goldene Regel: "Take nothing but pictures, leave nothing but footprints." (Nimm nichts mit außer Fotos, lass nichts da außer Fußspuren). Vandalismus (Graffiti, Scheiben einschlagen) ist ein absolutes No-Go. Wir sind Beobachter, keine Zerstörer. Wenn du einen Ort so verlässt, wie du ihn vorgefunden hast, hilfst du, ihn für andere zu bewahren. 4. Gehe niemals allein Es klingt wie ein Klischee aus einem Horrorfilm, aber es ist lebenswichtig. In verlassenen Gebäuden gibt es oft keinen Handyempfang. Wenn du durch eine morsche Treppe brichst und allein bist, kann dir niemand helfen. Ein "Buddy" ist deine Lebensversicherung. Außerdem machen die Erkundung und das gemeinsame Rätselraten über die Geschichte des Ortes zu zweit viel mehr Spaß. 5. Asbest und Schimmel sind unsichtbare Feinde Verfall riecht modrig. Aber manche Gefahren riecht man nicht. Alte Gebäude sind oft mit Asbest belastet oder voller Schwarzschimmelsporen. Vermeide es, Staub aufzuwirbeln. Trage in Kellern oder stark verfallenen Gebäuden eine FFP3-Maske. Fasse keine Isolierungen oder Dämmwolle an. 6. Die Suche nach Locations ist der halbe Spaß Am Anfang war ich frustriert, weil niemand mir die Adressen cooler Spots verraten wollte. "Location-Trading" ist in der Szene verpönt, um die Orte vor Vandalismus zu schützen. Ich lernte, selbst zu recherchieren: Google Earth, alte Zeitungsartikel oder lokale Foren. Oder du nutzt Mutrail: Wir haben eine kuratierte Liste von Orten, bei denen der Zugang oft geduldet ist. Lost Places auf Mutrail finden 7. Vertraue deinem Bauchgefühl Es gab Momente, da stand ich vor einem Gebäude und hatte einfach ein "schlechtes Gefühl". Vielleicht war die Struktur zu instabil, vielleicht waren komische Leute in der Nähe. Die Lektion: Dreh um. Kein Foto ist es wert, deine Gesundheit zu riskieren. Ein guter Urbexer weiß, wann er abbrechen muss. Fazit Urban Exploring ist eines der faszinierendsten Hobbys überhaupt. Es ist eine Zeitreise in die Vergangenheit. Wenn du dich gut vorbereitest, die Regeln respektierst und die richtige Ausrüstung dabei hast, wirst du Momente erleben, die du nie vergisst. Bereit für deinen ersten Spot? Checke jetzt unsere Karte und filtere nach "Lost Place".

25.01.2026 Artikel lesen →